Zornige Pflegefachfrau

Tag der Pflege: Stoppt den Pflegexit!

12/05/2021

von Michèle Friedli


Am 12. Mai 1820 wurde Florence Nightingale, die Begründerin der modernen Krankenpflege geboren. Deshalb findet dieser Aktionstag jährlich an diesem Datum statt. In einem Jahrzehnt meiner Tätigkeit als Personalberaterin durfte ich unzählige Interviews mit Pflegefachpersonen aus unterschiedlichen Funktionsstufen, Versorgungsbereichen und Kantonen führen und wertvolle Erkenntnisse aus ihrem Alltag gewinnen. Eines möchte ich hier gerne vorwegnehmen.

Es braucht zwingend und rasch eine signifikante Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen!

Mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen statt Applaus

Zuhause bleiben und Abstand halten – wer kann, hält sich an die Empfehlungen der Regierung. Doch manche Jobs müssen nun mal gemacht werden. Besonders häufig wird derzeit unserem Pflegefachpersonal gedankt. Sie können ihre Arbeit weder aufschieben noch Abstand zu den Patientinnen und Patienten halten.

Gerade jetzt wird klar, dass wir ohne sie und ihre Fürsorge aufgeschmissen wären. Doch was bekommen sie neben Dankesbekundungen und Applaus? Eher wenig! Als Zeichen der Wertschätzung streicht die Finanzdirektion des Kantons Bern dieses Jahr gar den Ausgleich der Teuerung für Kantonsangestellte. Wenigstens muss man Applaus nicht versteuern.

Pflegeheldin? Nein danke!

Pflegearbeit ist mental und körperlich anstrengend  – auch ohne Ansteckungsgefahr und Überstunden!

Anerkennung durch Klatschen ist somit eine nette Geste mit dunkler Kehrseite. Denn um ein kränkelndes Gesundheitssystem und die Motivation aufrecht zu erhalten, befeuert man das Bild der selbstlosen Heldinnen und Helden, die mutig dorthin gehen, wo die meisten von uns nicht sein wollen.

Klatschen beruhigt die Gesellschaft. Wir tun es, um uns vor der unangenehmen Wahrheit zu distanzieren, nämlich, dass wir von diesen Frauen und Männern verlangen, über ihre eigenen Grenzen zu gehen – und das Leben anderer über ihr eigenes zu stellen. Aber mit Hilfe des Heldenbilds scheint uns das gerechtfertigt.

Hohes Risiko, tiefer Lohn

Wir schätzen die Pflegenden – aber wie zeigen wir das? Weiss irgendjemand wie viele Pflegefachpersonen ihr Leben während der Pandemie verloren haben? Hören wir davon in den Abendnachrichten? Haben wir diesen Menschen gedacht? Eine Schweigeminute eingelegt oder ein Mahnmal für sie gebaut, auf dem jedes Opfer namentlich erwähnt wird? Oder beruhigen wir uns mit dem Gedanken, dass es in Indien noch schlimmer ist?

Wenn die Coronakrise vorbei ist, sollten wir keinesfalls vergessen, wer uns und unsere Liebsten versorgt. Es ist höchste Zeit, endlich den Wert der Pflege anzuerkennen und dafür zu sorgen, dass sich die Wertschätzung im Gehalt und besseren Arbeitsbedingungen spiegelt. Denn nirgendwo anders wird so deutlich, dass Arbeiten, die überwiegend von Frauen übernommen werden, zum Schämen schlecht bezahlt sind.

Klassische Frauenberufe hatten nie eine starke Lobby

Vergleiche ich die Anzahl der Politiker und Politikerinnen, die sich um die Anliegen von Bauern und Bäuerinnen bemühen mit jener, die sich die Forderungen der Pflege auf die Fahne geschrieben haben, entsteht der Eindruck als sei jede Milchkuh in diesem Land mehr wert als eine Pflegefachperson.

Die Tarifpartner nur zu ermahnen, über eine “gerechte Gehaltsfindung und bessere Rahmenbedingungen” nachzudenken, bringt nichts. Es beginnt damit, dass Pflegende ihren Widerwillen gegen testosterongeladene Hinterzimmer-Versammlungen überwinden und sich stärker in Verband, Gewerkschaft und Politik engagieren müssen. Wenn sie mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen wollen, brauchen sie eine starke Lobby – und die können nur sie selbst sein, solidarisch unterstützt durch mich und dich.

Es braucht also beharrliche Lobbyarbeit, um bewusst zu machen, was Pflegefachpersonen in den diversen Versorgungsbereichen täglich leisten und mit welchen Problemen sie konfrontiert sind. Wenn Frauen in Frauenberufen zu schwach organisiert sind, haben die Gewerkschaften wenig Kampfkraft. Und die müssen sie haben, um bei Tarifauseinandersetzungen auf den Tisch hauen zu können.

Die Pflegeinitiative – ein wichtiger Teilerfolg

Dreieinhalb Jahre nach der Einreichung der Pflegeinitiative liegt der indirekte Gegenvorschlag nun vor. Er enthält mit der Ausbildungsoffensive und der Möglichkeit, dass bestimmte Pflegeleistungen ohne ärztliche Anordnung von den Kassen vergütet werden, zwei Forderungen der Volksinitiative. Ob diese ausreichen, die Initiative zurückzuziehen, bleibt vorerst offen. Denn nach wie vor fehlen die dringend notwendigen Massnahmen für mehr Personal auf den Schichten (höhere Stellenschlüssel) und bessere Arbeitsbedingungen für die Pflegenden. Diese zentralen Faktoren, tragen nicht nur dazu bei, ihre Situation zu verbessern, sondern beeinflussen in direkter Weise auch unsere Sicherheit als PatientIn.

Das Problem der zahlreichen BerufsaussteigerInnen wurde leider nicht angegangen. Im Angesicht des herrschenden Pflegenotstands müsste diesaber höchste Priorität haben! Ein weiteres Versäumnis der Politik und anderen Entscheidungsträgern und typisches Beispiel dafür, wie Frauenanliegen mit dem Argument zurückgewiesen werden, die Freiheit der Wirtschaft zu gefährden.

Die Politik will durch das Heldenbild demonstrieren, dass sie Pflegende unterstützen, kaschieren damit aber lediglich, dass sie nichts an den kritikwürdigen Verhältnissen ändern.

Reicht eine Ausbildungsoffensive?

Die von Bund und Kantonen bewilligten Gelder zur Ausbildungsoffensive werden nur dann nachhaltig sein, wenn die Ausgebildeten dank guten Arbeitsbedingungen im Beruf bleiben.

Erfahren Pflegende endlich die Anerkennung und Wertschätzung, die sie verdienen, wird sich auch die Anzahl der Berufsabschlüsse erhöhen. Wer sonst repräsentiert den Pflegeberuf beim Nachwuchs überzeugender als zufriedene Pflegende selbst?

Das Initiativkomitee wird im Juni darüber entscheiden, ob es an der Pflegeinitiative festhält oder sie zurückzieht.

Ich persönlich hätte mir sehr gewünscht, dass sich im Parlament auch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durchsetzt. Und ich wünsche uns allen, dass die Pflegenden sichtbarer werden und wir sie als Gesellschaft unterstützen.

Auch im Abstimmungskampf!

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